Veröffentlicht 12.02.2017

Bakker Brothers: ‚mehr als nur international‘

West-Friesland ist vielleicht eine der internationalsten Regionen in den Niederlanden. Nahezu alle Saatgutvertriebe haben in dem Gebiet Geschäftsstellen, Gewächshäuser, Lager oder R&D-Zentren und ihr Saatgut findet seinen Weg in viele andere Länder. Das gilt aber auch für Bakker Brothers in Noord-Scharwoude. „99% der 3.000 Tonnen an Saatgut, die wir exportieren, werden per Schiff oder Flugzeug exportiert.“

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Es sieht fast wie eine Szene aus einem Science-Fiction Film aus: gespenstisch wirkende Leinensäcke hängen in versiegelten Gewächshäusern an Drähten. Das Gewächshaus wurde der Tuta absoluta (Gracillariidae; Tomatenminiermotte) ausgesetzt, einer der schädlichsten Insekten für Tomaten. Die Motten, die aus der Amazonenregion stammen, können in kürzester Zeit eine ganze Reihe von Tomaten zerstören.  Aufgrund des ständig zunehmenden internationalen Handels findet man die Motte heutzutage in vielen Teilen der Welt, auch in Europa. Wouter Bakker sieht sich die Leinensäcke durch das Glas hindurch an. Das blasse Licht und die niedrigen Temperaturen im Gewächshaus lassen alles noch mysteriöser erscheinen.

„Unsere Tätigkeiten hier und an sechs weiteren Standorten haben zum Ziel, unsere sechs Gewächse, einschließlich der Tomaten, resistent zu machen. Eine bestimmte wilde Tomatensorte ist immun gegen die Tuta. Wir versuchen also, diese Eigenschaft auf eine Varietät unseres Spektrums von Tomatensorten zu übertragen. Das hilft, die Tomaten etwas widerstandsfähiger zu machen, ohne dabei Chemikalien einsetzen zu müssen. Der Großteil unseres Saatguts für Zucchini, Bohnen, Zwiebeln oder Auberginen wird auf offenen Feldern eingesetzt, also nicht in Gewächshäusern. Teils aufgrund der Klimaveränderungen sind die Witterungsbedingungen dort viel problematischer als in klimakontrollierten Gewächshäusern, denn das Gemüse wird von Insekten angegriffen. Wir beschäftigen uns nicht mit der Entwicklung kleiner Gurken oder speziellen Salatsorten für Verbraucher. Unser Antrieb besteht darin, Familien zu den niedrigsten möglichen Preisen zu ernähren.“

„Unser Antrieb besteht darin, Familien zu den niedrigsten möglichen Preisen zu ernähren.“

Vierte Generation

Wouter ist die vierte Generation der Familie Bakker. Gemeinsam mit seinem Onkel Eric Bakker (dritte Generation) betreibt er den Saatgutvertrieb, der 1928 ursprünglich mit Kohlsamen begann. Bakker Brothers ist jetzt ein Saatgutzucht-, Produktions- und Vertriebsunternehmen. Bakker Brothers war seit der Gründung immer schon international orientiert, aber dieser Ansatz wurde nach dem zweiten Weltkrieg intensiviert. In Amerika wird das Unternehmen manchmal scherzhaft als Bakker Bros bezeichnet.

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Seitdem das Unternehmen im Jahr 2003/2004 Teil der in Südafrika basierenden Klein Karoo Kooperasie, und später Zaad Holdings Ltd. (einer Tochtergesellschaft des südafrikanischen Agrarinvestors Zeder) wurde, hat sich die Internationalisierung nur noch stärker ausgeprägt. Wouter ist auch Vorstandsmitglied bei Zaad Holdings. „Bakker Brothers ist ein kleiner Spieler in der Züchterwelt und hat im Bereich des Gemüsesaatguts nur einen Umsatz von ca. 16 Millionen Euro. Aber dadurch, dass wir ein Bestandteil von Zaad Holdings sind, die einen Umsatz von ca. 100 Millionen Euro verzeichnet, sind wir ein sehr mächtiges Unternehmen und haben keine Schwierigkeiten, Lizenzen zu erwerben und mit Universitäten, Forschungsinstituten und Partnerunternehmen zusammenzuarbeiten. Wir führen die zugrundeliegende Forschung nicht selber durch. Wir sind im Grunde ein Unternehmen, das lizenzbasierte Entwicklungen auf den Markt bringt, was uns wiederum Zugang zu den neuesten Technologien für die Zucht unserer Gewächse verschafft.“

„Wir sind im Grunde ein Unternehmen, das lizenzbasierte Entwicklungen auf den Markt bringt.“

Das Züchten ist eine Suche

Während die Bauarbeiter die Büroräume des Unternehmens renovieren, erzählt Wouter mir mit Begeisterung von seiner Arbeit. Wir haben gerade das riesige Lager und die Abfülllinien besichtigt. Das Saatgut, das nach Afrika gesendet wird, verlässt das Unternehmen in großen und kleineren Dosen, nicht nur, dass es unbeschädigt ankommt, sondern auch damit die lokale Bevölkerung die berühmten Dosen zum Herstellen von Spielzeugautos verwenden kann. Wouter Bakker: „Unser Antrieb ist, einen Beitrag zur Lösung der Ernährungsproblematik zu leisten. Saatgut ist der Ausgangspunkt für alle Gemüsesorten.

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Je besser das Saatgut, umso mehr können die Bauern produzieren. Unsere Zuchtstationen in Jordanien und Südafrika, sowie zehn Prüfstationen weltweit, versetzen uns in die Lage sehr schnell zu züchten. Wir können innerhalb von sieben Generationen eine stabile Varietät realisieren. Dieser Prozess findet z.B. über einen Zeitraum von 3 Jahren statt, da die erforderlichen Schritte in unseren drei verschiedenen Zuchtstationen erfolgen. Früher haben wir dafür 7 Jahre benötigt. Wir sind jedes Jahr in der Lage, das Saatgut für die meisten Gewächse um drei Generationen vorwärts zu bringen.

„Unsere Arbeit ist eine ständige Suche, bei der man sich keine Fehlschritte erlauben kann, da man sonst viele Jahre umsonst gearbeitet hat.“

Die Produktionstätigkeiten für die Realisierung stabilen Saatguts werden an zwanzig Unternehmen in China, Amerika und Frankreich ausgelagert. Das Saatgut von diesen Unternehmen wird nach Noord-Scharwoude transportiert und nach der Behandlung und Verpackung an den Vertreiber weitergeleitet. Nur wenige wissen, dass Bakker Brothers der größte Lieferant von Gemüsesaatgut für die Food and Agriculture Organisation (FAO) der Vereinten Nationen ist. Onkel Eric kommt zufällig vorbei: „Wir behalten die geopolitische Situation in bestimmten Regionen und Ländern genau im Auge. Wir berücksichtigen dabei grundsätzlich auch instabile Regionen. Aus diesem Grund befindet sich in unserem Lager auch Saatgut für den Süd-Sudan, Irak und Syrien, das wir der FAO zum Selbstkostenpreis verkaufen.“

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Neffe Wouter setzt das Gespräch fort: „Wir arbeiten mit rund zweihundert Vertreibern in Europa, Afrika und dem Mittleren Osten zusammen. Durch Kriege werden diese Netzwerke häufig zerstört, wodurch die Bauern ihre Arbeit nicht machen können. Und das führt zu Hungersnöten. Aus diesem Grund setzt die FAO Saatgut ein, um derartige Situationen zu vermeiden. Des Weiteren wird 20 Prozent unserer Saatgutproduktion direkt an sogenannte Verarbeiter weitergeleitet. Diese Verarbeiter, u. A. Bonduelle, produzieren Dosengemüse. Sie liefern dieses Saatgut wiederum an Vertragsbauern, die mehrere hundert Hektar an Boden besitzen.“

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